Gastbeitrag

Anne Steinbach

Annes #Mutcamp

Über den Mut, seinen eigenen Weg zu gehen 

annes mutcamp

Mut zeigen bedeutet nicht aus einem Helikopter zu springen. Für mich bedeutet es, etwas zu machen, das so nicht in der Norm steht. Ich habe meinen Job aufgegeben und mich selbstständig gemacht. Ein holpriger Weg mit schöner Aussicht und einem großen Fragezeichen.

Es war ein grauer Montagmorgen. Draußen war es noch dunkel, viel zu dunkel. Es regnete und ich schälte mich, so wie in den letzten fünf Monaten aus meinem Bett heraus, direkt an den Computer. Der brauchte mindestens genauso lange wie ich, um hochzufahren. Es war 5:30, für Kaffee noch viel zu früh. Ich öffnete mein Mailprogramm, das Nachrichtentool, über das wir in dem Unternehmen, in dem ich damals arbeitete, kommunizierten und kämpfte mich durch die 20 Nachrichten, die ich bereits bekommen hab. Es folgten 3,5 Stunden Arbeit. Im Journalismus nennt man das Morningbriefing. Die Frühschicht eben. Ich nenne es gern die Möglichkeit seinen Alltag, seine Gesundheit und seine Energie in nur einigen Stunden zu zerstören.

Guten Morgen, Rechner. Guten Morgen, Arbeit. Guten Morgen, Kollegen, die sich, verteilt in ganz Europa, ebenfalls schon aus dem Bett getraut haben.

Wenn die Routine die Magenkule frisst

Ein kleiner Rückblick: Nach meinem Journalismusstudium bin ich nach Amsterdam gezogen, um dort in einem Reiseunternehmen als Redakteurin zu arbeiten. Dort blieb ich eine Weile, bis sich eine neue Möglichkeit in Berlin auftat. Es ging zurück in den traditionellen Journalismus. Doch so ganz funktionierte das nicht, weshalb ich mich nur kurze Zeit später wieder mitten in der Onlinewelt befand. Ein Start-up aus Holland, das ein Büro in Berlin eröffnete und für den Erhalt des guten Journalismus kämpfte. Eine Traumstelle – dachte ich damals. Ich war zufrieden und blickte am Anfang locker über die frühen Schichten hinweg. Tagein, tagaus klingelt mein Wecker morgens um 5. Jeden Tag, auch am Samstag oder Sonntag, saß ich morgens drei Stunden vor dem Computer, um die besten und lesenswertesten Artikel an unsere Kunden zu schicken. Jeden einzelnen Tag.

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Bis sich ein dumpfes Gefühl im Magen einschlicht. Bis die Augenringe immer tiefer wurden. Bis ich keine Farbe mehr im Gesicht hatte und zu jemandem mutierte, den ich nicht kannte. Meine Konzentration war weg, ich war gereizt, weinte oft und kam mit der kleinsten Kritik oder Herausforderung nicht mehr klar. Dabei war ich gerade erst im ersten Jahr nach meinem abgeschlossenen Studium. Das sollte es also sein, dieses Berufsleben? Die Arbeit in einer Branche, die von weltoffenen, kreativen und selbstständigen Freigeistern lebt? Das hatte ich mir anders vorgestellt. Und so beschloss ich an eben diesen grauen Montagmorgen alles hinzuschmeißen. Ich wollte nicht mehr.

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Das große Fragezeichen der Generation Y

„Und was jetzt?“, fragte mich meine Mama, die ich nach meiner Frühschicht zum Frühstück traf. „Weiß nicht“, erklärte ich ihr und nippte genüsslich an meinem Kaffee. Ich fühlte mich erleichtert. Meine Magenschmerzen sind direkt weniger geworden und ich freute mich auf das, was jetzt kommt: mein eigenes Leben.

Ich gehöre der Generation Y an. Eine Gruppe junger Leute, die bereits im Namen das dicke „Warum?“, das „Why?“ oder eben „Y?“ hat. Wir hinterfragen alles – von der Herkunft der Milch im Frühstücksmüsli über die kargen Wände im Büro bis hin zur Zahnpastatube, die nun wirklich nicht mehr aus Plastik sein muss. Wir tun aber vor allem eins: wir beweisen Mut, in den vielen vielseitigen Entscheidungen, die wir treffen. Schnell hüpfen wir in die Selbstständigkeit, nehmen schlecht bezahlte Jobs in kleinen Unternehmen an und machen eben das, worauf wir Lust haben und nicht das, was wir tun sollten, was wir eigentlich im Studium gelernt haben oder was uns die Gesellschaft vorschreibt.

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Mut ist, was anders ist

Auch ich bin durch mein eigenes kleines Mutcamp gegangen. Ich habe gekündigt und war von jetzt auf gleich selbstständig – ohne auch nur einen einzigen Auftraggeber zu haben. Mein Plan: Artikel an Medien schicken und darauf hoffen, dass es da draußen jemanden gibt, der Lust auf meine Reisegeschichten hat. Das erste Jahr war hart, die wohl härteste Schule, die ich jemald durchlaufen hab. Sie war gezeichnet von Wochen ohne Arbeit, von Schreiben ohne Geld und von etlichen Stunden zu Hause, als Freunde unterwegs waren, gefeiert haben und naja, ihr Geld an den Mann gebracht haben.

Heute jedoch kann ich sagen, dass sich der Mut und die Stärke ausgezahlt haben. Ich habe ein kleines Büro, feste Auftraggeber und einen Plan.

Was Mut für mich bedeutet? Eine alleinige Entscheidung über etwas zu treffen, das nur einen selbst betrifft. Eine Entscheidung für das Ego zu treffen. Dabei meine ich nicht den lang ersehnten Sprung aus dem Hubschrauber, sondern tieferen Mut. Mut zur Lücke. Mut zum Anderssein, Andersdenken, Andershandeln. Gegen die Norm – für mehr Glück und Zufriedenheit im eigenen Alltag.

Wenn ich heute aufwache, dann habe ich eine Routine, die mich nicht direkt an den Rechner bringt. Sie führt mich in die Küche, an die Kaffeemaschine und dahin, wo mein Tag eben beginnt. Den Rechner sehe ich danach zwar den ganzen Tag lang – dafür kann die Kulisse von Café über Coworking Space bis hin zu Palmen auf Bali, Moscheen in Istanbul oder den tobenden Wellen von Sydney variieren. Für den Journalismus brenne ich auch noch und vielleicht auch für die Frühschicht – solange ich diese von Asien aus machen kann und Deutschland damit ein paar Stunden voraus bin.

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Gastbloggerin Anne Steinbach

Gastbloggerin Anne Steinbach

Ich bin freie Journalistin und Online Redakteurin und schreibe neben Yoga- und Fitnessthemen, auch auf meinem eigenen Reisemagazin Travellers Archive (https://travellersarchive.de/) über meine Reisen in die etwas anderen Destinationen. Falls ich zwischendurch zum Sport machen komme, laufe oder surfe ich am liebsten – alternativ gehen aber auch gemütliche Yogastunden in Ordnung.

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Ich bin freie Journalistin und Online Redakteurin und schreibe, neben Yoga- und Fitnessthemen, auch auf meinem eigenen Reisemagazin Travellers Archive über meine Reisen in die etwas anderen Destinationen. Falls ich zwischendurch zum Sport machen komme, laufe oder surfe ich am liebsten – alternativ gehen aber auch gemütliche Yogastunden in Ordnung.