Blogautor Julia

Und plötzlich war sie da – Diagnose: Multiple Sklerose

FFA-Absolventin & Fitnesstrainerin Chantal über ihr Leben mit MS – Teil 1

Der Vertrieb, das war lange Zeit Chantal Hörhammers Steckenpferd. Sie ist eigentlich gelernte Schmuckfachverkäuferin, bevor sie 2006 bei Fitness First (damals noch Fitness Company) in Kaiserslautern als Sales und Promotion Mitarbeiterin einsteigt. Fünf Jahre später, 2011, wechselt sie auf den Posten der Empfangsleitung. Es ist das gleiche Jahr, in dem sich Chantals Leben durch einen herben Einschnitt um 180 Grad drehen wird: Sie erkrankt an Multipler Sklerose.

Heute – sieben Jahre später – hat Chantal gelernt, mit der Krankheit umzugehen, ihr mit einem fast schon trotzigen Optimismus die Stirn zu bieten. Mittlerweile ist sie nur noch zu 50 Prozent am Empfang tätig. Die andere Hälfte ihrer Arbeitszeit verbringt sie damit, den Mitgliedern ihres Clubs einen großen Teil ihrer positiven Grundeinstellung als Fitnesstrainerin mit auf den Weg zu geben.

Dass Chantal heute als Trainerin arbeiten kann, verdankt sie unter anderem der Fitness First Academy. Hier hat sie 2017 als eine der ersten Absolventinnen die Fitness Trainer B Lizenz abgeschlossen und hat seit diesem Jahr nun auch die A Lizenz in der Tasche.

Es ist eine Geschichte, die beeindruckt und bewegt. Vor kurzem hatte ich die Gelegenheit, mit Chantal zu sprechen – über ein Leben mit MS, über den Weg von der Verkaufs- auf die Trainingsfläche, über Familienzusammenhalt, Durchhaltevermögen und einen schier unbeugsamen Optimismus.

Interview – Teil 1

Liebe Chantal, ich habe eine ganz einfache Frage zum Einstieg: Wie geht es dir heute?

Danke, mir geht es sehr gut. Ich hatte heute Vormittag frei und werde dann gleich noch arbeiten gehen – mein Dienst fängt um 14 Uhr an. Aber ich kann mich nicht beklagen. Insofern geht´s mir bestens.

London – für Chantal sowohl ohne als auch mit MS immer eine Reise wert

Das freut mich sehr zu hören. 2011 bist du ja an Multipler Sklerose erkrankt und hast damit sicherlich auch schon andere Tage erlebt. Wie sah denn dein Leben vor der Erkrankung aus?

Ja genau, das stimmt – ich kann dir auch den genauen Tag nennen, an dem ich an MS erkrankt bin: Das war der 29. Juni 2011. Mein Leben vor der Erkrankung war schon anders – es war ehrlicherweise vor allem sehr hektisch und nicht wirklich strukturiert.

Multiple Sklerose wird auch die Krankheit mit den vielen Gesichtern genannt, da sie von Sehbeeinträchtigungen, über Lähmungen, bis hin zu Spastiken ganz unterschiedliche Symptome und Verlaufsformen aufweisen kann. Woran hast du damals gemerkt, dass etwas mit dir bzw. mit deiner Gesundheit nicht stimmt?

Das Ganze fing damals mit einer halbseitigen Lähmung bei mir an, die allerdings nicht komplett ausgereift war. Ich habe beispielsweise im Auto die Kupplung entweder komplett bis zum Anschlag durchgetreten oder gar nicht. Und ich weiß noch, dass ich auch mit meinen Kollegen gesprochen hab und meinte: „Irgendetwas stimmt nicht – meine linke Hand und mein linkes Bein wollen einfach nicht so wie ich will.“

Ich bin dann über eine Woche mit diesen Symptomen rumgelaufen, bis ich mich entschieden hab, ins Krankenhaus zu gehen. Und dort hab ich dann diese „nette“ Diagnose erhalten.

Der erste Verdacht war eigentlich ein Schlaganfall. Mit diesem Gedanken habe ich mich eine Nacht herumschlagen müssen, ehe dann ein charmanter Arzt nach einer Lumbalpunktion (Anmerkung: Entnahme einer Nervenwasserprobe aus dem Rückenmarkskanal) und noch einem weiteren MRT zu mir sagte: „Herzlichen Glückwunsch, Frau Hörhammer, Sie haben Multiple Sklerose. Packen Sie mal Ihre Sachen. Sie werden von Zimmer 5 auf Zimmer 11 verlegt. Wir fangen morgen früh mit der Cortisontherapie an.“

Diese Diagnose kam vermutlich wie ein Schlag.

Ja, definitiv! Die Nachricht, dass ich MS habe, war tatsächlich ein ganz schöner Hammer. Ich hatte bis dahin ja noch keinerlei Berührungspunkte mit der Krankheit gehabt.

Wenn man sich – wie du, wie ich – noch nie zuvor mit der Krankheit befasst hat, ist einem vermutlich nicht bewusst, dass es unterschiedliche Formen von MS gibt und dass viele Patienten verhältnismäßig gut mit der Krankheit leben können. Was waren deine ersten Gedanken, als du die Diagnose MS erhalten hast?

Dank der Möglichkeiten der heutigen Technik habe ich mir natürlich erstmal direkt mein Handy geschnappt und gegoogelt, was Multiple Sklerose denn überhaupt ist. Und früher oder später trifft man dann unweigerlich auf das Thema Rollstuhl. Daher war mein erster Gedanke: „Mist, du kannst jetzt nichts mehr tun. Du wirst irgendwann im Rollstuhl sitzen.“

Und dann gehen dir tausend Gedanken durch den Kopf: Du bist verheiratet, wolltest eigentlich auch irgendwann vielleicht mal Kinder haben – wie kann es denn damit jetzt weitergehen? Und was ist mit deinem Mann – bleibt er bei dir? Werden deine Freunde weiterhin zu dir halten? Und so weiter, und so fort… Das ist in dem Moment nicht einfach gewesen. Man hat einfach das Gefühl, dass vor einem ein ganzes Kartenhaus zusammen zu fallen droht.

 Werden Freunde und Kollegen weiterhin zu einem halten?
– Wenn die Diagnose MS für das private und berufliche Umfeld zur Belastungsprobe wird

 Er hat in guten wie in schlechten Zeiten immer eine Schulter zum Anlehnen: Chantals Ehemann Christian

Du hast gerade deinen Ehemann erwähnt. Wie ist er mit der Diagnose umgegangen? War er dabei, als du sie erhalten hast?

Nein, mein Mann ist LKW-Fahrer und war, während ich die Diagnose erhalten habe, unterwegs und daher nicht dabei. Ich hab ihm dann am Telefon davon erzählen müssen. Auch für ihn war die Diagnose wie ein Schlag ins Gesicht.

Aber das Schöne war, dass er gleich ganz klipp und klar zu mir gesagt hat: „Chantal, ich habe dir auf dem Standesamt gesagt: In guten wie in schlechten Zeiten – ich bleibe bei dir.“ Das in dem Moment zu hören, tat unglaublich gut.

Ich habe ihm aber umgekehrt auch immer die Freiheit gelassen, dass ich ihn gehen lasse, sollte er mit der Belastung dieser Krankheit irgendwann mal nicht mehr zurecht kommen. Ich finde, so fair muss man sein, auch wenn ich froh bin, dass das für ihn bis heute nicht in Frage kommt.

Nun ist Multiple Sklerose ja leider keine vorrübergehende Diagnose, sondern eine Erkrankung, die zumindest zum jetzigen Zeitpunkt nicht heilbar ist. Womit macht sich die Krankheit heute – 7 Jahre nach der Diagnose – in deinem Leben bemerkbar und wie gehst du mit möglichen Einschränkungen, die sich daraus für dich ergeben, um?

Ich habe zum Glück eine verhältnismäßig ‚milde‘ Form von MS – da gibt es leider auch Betroffene, die mit wesentlich stärkeren Ausprägungen zu kämpfen haben. Nichtsdestotrotz macht sich die Krankheit natürlich auch bei mir mit der einen oder anderen Einschränkung bemerkbar. Vor allem zeigt sie sich bei mir in Form von Schlafmangel. Ich kann einfach nicht gut durchschlafen, wodurch meistens nach vier bis fünf Stunden die Nacht für mich schon wieder vorbei ist. Das macht sich dann natürlich auch im Alltag bemerkbar. Aber zum einen bietet mir Sport an der Stelle einen ganz guten Ausgleich und zum anderen muss man sich dann auch einfach mal tagsüber eine Auszeit gönnen. So ein Powernapping am Mittag tut schon unglaublich gut und gibt mir persönlich auch viel Kraft zurück.

Darüber hinaus habe ich teilweise auch kein Kälte-Wärme-Empfinden. Damit komme ich allerdings recht gut zurecht – mit Hitze noch besser als mit Kälte. Deswegen ist der Tag heute (Anmerkung: am Tag des Interviews stand das Thermometer vielerorts auf über 35 Grad Celsius) auch eigentlich kein Problem für mich. (lacht)

Dann ist die Krankheit an Tagen wie heute ja ironischerweise schon fast mehr Freund als Feind. Inwiefern hat sich dein Leben seit der Diagnose sonst noch verändert?

Also eigentlich hat sich mein Leben durch die Krankheit vor allem zum Positiven verändert. Ich habe zum Beispiel gelernt, auch mal was liegen zu lassen und strukturierter durchs Leben zu gehen. Ich mache mir morgens meinen Plan, arbeite den ab und wenn dann mal was liegen bleibt, dann bleibt es halt liegen. Das hätte es früher so bei mir nicht gegeben. Ich hätte das dann auf Biegen und Brechen fertig machen wollen. Aber mittlerweile bin ich da sehr gelassen geworden, weil ich durch diese Krankheit gelernt habe, dass es so viel Wichtigeres gibt als Perfektionismus und Ehrgeiz. So beschissen es ist, diese Diagnose zu erhalten – ich habe durch sie erst gelernt, richtig zu leben.

Sport als Ausgleich – funktioniert auch von der Zuschauertribüne aus 😉

Multiple Sklerose und Sport – wie passt das zusammen? Darüber spricht Chantal im 2. Teil ihres Interviews:

Sport trotz oder gerade wegen Multipler Sklerose.

An MS erkranken und es dennoch schaffen, den Kopf oben zu halten – im 3. und letzten Teil ihres Interviews verrät Chantal, warum Optimismus und ein offener Umgang mit ihrer Krankheit so wichtig sind:

Mut bedeutet: Aufstehen, Krone richten, weitergehen

Auch du bist an Multipler Sklerose erkrankt? Inwiefern hat sich dein Leben seit der Diagnose verändert? Hinterlasse uns gerne einen Kommentar hier unter diesem Blogpost. Wir freuen uns über jeden Beitrag, der direkt und indirekt Betroffenen im Umgang mit der Krankheit weiterhilft. 

Julia Seebeck

Gebürtiges Nordlicht | Verguckt in MUC | Mag Laufsport, Fitness, Reisen & gutes Essen | Verantwortet bei Fitness First Germany u.a. die digitale Kommunikation vom #Mutcamp, den Geschäftsbereichen Firmenfitness, HR und der Fitness First Academy